
Schloss Prösels
Schloss Prösels hat im Laufe der Jahrhunderte gute und schlecht Zeiten erlebt und ist heute kultureller Anziehungspunkt für zigtausende Besucher.
Angst vor Schlossgeistern haben die Rabensteiners keine, aber wenn die unzähligen Siebenschläfer nachts am Dachboden rumoren, dann sei das schon etwas gespenstig. Man gewöhne sich an vieles, meint Michl, der Herr im Haus.
Der Kustos von Schloss Prösels wacht seit 1982 über die prächtigste Schlossanlage weit und breit. Seine Aufgabe ist das, was man einen Fulltimejob nennt, rund um die Uhr und sieben Tage die Woche. Nur in der kalten Jahreszeit wird es in dem alten Gemäuer etwas ruhiger, dann, wenn neben den vielen Mitbewohnern wie Eidechsen, Schlangen und Käuze auch die Besucher kalte Füße bekommen.
Mit Schloss Prösels hat sich Leonhard von Völs ein Denkmal gesetzt. In der 1517 fertig gestellten Schlossanlage wohnte der glanzvolle Landeshauptmann an der Etsch und Burggraf zu Tirol bis zu seinem Tod im Jahre 1530. Nach viereinhalb bewegten Jahrhunderten mit einer langen Reihe von Schlossherren fand der Prachtbau eine öffentliche Bestimmung. Seit 1981 im Privatbesitz des „Kuratoriums Schloss Prösels", zieht das architektonische Juwel alljährlich Tausende von Besuchern an, die sich die bestens erhaltene Burg ansehen, an einer der vielen darin angebotenen Veranstaltungen teilnehmen oder ein Fest besuchen wollen. Im Jahr 2004 ließen sich über 15.500 Besucher von einer fachkundigen Führung durch das Schloss begleiten. Auch bei den 72 Veranstaltungen mit über 14.000 Gästen waren der Schloss-Michl und seine Frau Steffi die Hauptansprechpartner.
Als das Schloss am 6. August 1982 nach gelungener Renovierung vom „Kuratorium Schloss Prösels“ für das Publikum geöffnet wurde, war Michl Rabensteiner vor allem für die Führungen zuständig. Gern denkt er an seinen „geistigen Ziehvater“ Oswald Baumgartner. Michls Mentor, vielen in bester Erinnerung als „Oswald von Wolkenstein“, war bereits in der Schule sein Lehrer gewesen und führte den gelernten Maurer ein in eine Welt von Hexenprozessen und Bauernkriegen, von mittelalterlicher Architektur und alter Freskenmalerei. „Ich musste mich erst einleben“, sagt der heute 49-Jährige, „eine Sensibilität entwickeln für das alte Gemäuer und das besondere Ambiente.“ Auch Michls Frau Steffi, musste sich mit den enormen Dimensionen ihres neuen Heims erst anfreunden. Das Leben hier kann mit jenem in einem herkömmlichen Wohnhaus nicht verglichen werden. Die langen, mühsamen und im wahrsten Sinne des Wortes steinigen Wege zur Wohnung im 2. Stock des Westtraktes werden aber auf der sonnigen Terrasse belohnt mit einem atemberaubenden Ausblick auf den Schlern, die Seiser Alm, Völs, die Villanderer Alm, das Rittner Horn, den Ritten und den Penegal.
Das Leben zwischen Fresken, Burgkappelle und Sternturm und abseits einer größeren Siedlung von Anfang an gewohnt sind die drei Töchter des Hauses Verena (21), Andrea (19) und Lea (13). „Unsere Freunde nennen uns die Schlosshexen“, erzählt Verena. Ebenso wie ihre beiden Schwestern genießt sie die kulturellen Veranstaltungen, die im „Haus“ stattfinden. Verena studiert in Padua „Geschichte und Schutz der Kulturgüter“ und gehört gemeinsam mit Andrea zum achtköpfigen Führer-Trupp auf Schloss Prösels. „Die Besucher fragen immer wieder, wie es sei, in einem Schloss zu wohnen, aber wir wissen ja nicht, wie es ist, in einem normalen Haus zu wohnen“, sagt Andrea. Michls und Steffis Töchter mögen die Feste und Konzerte und helfen mit, wo’s geht. Aber, wenn alles vorbei ist, und die Familie allein in dem wuchtigen Gemäuer übrig bleibt, wissen sie die Ruhe und Stille zu schätzen. „Da kommt niemand zum Fensterln, weil alle Leitern zu kurz sind“, scherzt Vater Michl und weiß die feschen Burgfräuleins in ihrem Gemach sicher.
Die Aufgabe der Kustoden geht weit über das Auf- und Zusperren hinaus. Schloss und Garten müssen in Ordnung und sauber gehalten, Konzerte, Ausstellungen und verschiedenste Feierlichkeiten (wie beispielsweise Hochzeiten) vorbereitet, der Führungsdienst organisiert und das „Haus“ in Stand gehalten werden. Vor allem bei größeren Veranstaltungen ist das Organisationstalent von Michl und Steffi Rabensteiner gefragt. Wenn beim traditionellen Oswald-von-Wolkenstein-Ritt 10.000 Zuschauer im Schlosshof Ross und Reiter anfeuern und verköstigt werden sollen, gilt es, rund hundert freiwillige Helfer zu koordinieren sowie stets den Überblick und vor allem die Ruhe zu bewahren. Für Michl ist es auch selbstverständlich, sich hinter den Herd zu stellen und anzupacken, wo Not am Mann ist, wenn in Rittersaal und Schlosshof fürstlich gefeiert wird. Steffi sagt, sie sei „Mädchen für alles“, aber an ihr kommt kein Besucher unbemerkt vorbei. Die gesellige Hausherrin führt in den Sommermonaten die kleine Schlossschenke am Eingangstor und verwaltet das Ticketbüro. Für ihr geliebtes Kartenspiel, das Watt’n, bleibt da wenig Zeit.
Die Restauratoren hat Michl immer besonders aufmerksam begleitet, um gewisse Arbeitsweisen zu verstehen. An dem alten Gebäude muss laufend gearbeitet und verbessert werden, wobei Michl im Auftrag des Kuratoriums vieles in Eigenregie übernimmt. Dass der Schloss-Michl nicht nur ein Mann fürs Grobe ist, beweist seine Liebe zu klassischer Musik („ein gutes Konzert im Innenhof ist das Maximum“) und seine Fähigkeit, mit den Gästen aus aller Welt zu kommunizieren und Freundschaften zu knüpfen.
Einsamkeit macht sich bei den Bewohnern von Schloss Prösels mit Sicherheit keine breit: Wenn in Burghof, Waffensaal, Rittersaal und Kaminzimmer Ruhe einkehrt und die beiden Schlosshunde sich nach einem anstrengenden Tag zur Ruhe gelegt haben, sind da immer noch die kleinen Gespenster am Dachboden, die ihren Unfug treiben und dem Schlossherrn und den Schlossdamen ab und zu den Schlaf rauben.
